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ARTIKEL

Welthandel zollt Finanzmarktkrise Tribut

Druck-Version (PDF)Weitere Artikel finden Sie in unserem Artikel-Archiv und auf der Übersichts-Seite zu unserem Schwerpunkt-Thema China!

 

Die globale Finanzmarktkrise hat auch beim Welthandel ihre Bremsspuren hinterlassen. Die Warenausfuhren nahmen schon 2007 mit einem realen Plus von 5,5 % deutlich geringer zu als im Vorjahr (8,5 %). Angesichts der anhalten Preissteigerungen sowohl bei Rohstoffen als nun auch bei Fertigwaren fiel der nominale Anstieg mit 15 % fast unverändert aus. Deutschland blieb auch 2007 Exportweltmeister, aber China hat sich schon auf Platz 2 vorgearbeitet. Für 2008 zeichnet sich ein noch geringeres Welthandels-Plus von 4,5 % ab. Dringend benötigte Handelsimpulse durch einen baldigen Abschluss der Doha-Runde sind nach wie vor nicht in Sicht.

 

Mitte April hat die Welthandelsorganisation WTO erste Zahlen zur Außenhandelsentwicklung im vergangenen Jahr vorgelegt. Sie zeigen die allgemein erwartete Abschwächung, wobei auch die globale Finanzmarktkrise schon erste Spuren hinterlassen hat. Gemäß den Genfer Statistikern konnte der globale Warenexport 2007 in realer Rechnung nur noch um 5,5 % zulegen - nach immerhin 8,5 % im Jahr zuvor. Obwohl dies das schlechteste Ergebnis seit 2003 war, entsprach es noch dem Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Allerdings lag es nur noch wenig über dem Wachstum der Weltwirtschaft. Dieses belief sich gemäß dem neuesten World Economic Outlook des IWF für 2007 immer noch auf 4,9 % (nach 5,0 % in 2006). Damit zeigen sich bei der Exportdynamik kräftigere Bremsspuren als beim globalen Output, was darauf hindeutet, dass der Welthandel nicht nur unter konjunkturellen, sondern auch unter strukturellen Sonderproblemen leidet (vgl. dazu unseren Artikel "WTO: Geht der Doha-Runde die Luft aus?" vom Dezember 2007).

 

Die neuesten WTO-Zahlen sind aber auch ein Indiz dafür, dass der anhaltende Globalisierungsprozess über eine verstärkte internationale Arbeitsteilung die Weltwirtschaft insgesamt auf eine breitere und damit robustere Basis gestellt hat. Während die klassischen Industrieländer von der Finanzmarktkrise am stärksten betroffen sind, haben sich die Entwicklungs- und Schwellenländer sowie die Transformationsländer des Ostens bislang als recht robust erwiesen. Dies gilt nicht nur für die vielbeachteten asiatischen Schwellenländer mit China an der Spitze, die seit Jahren mit beeindruckenden Export- und BIP-Zuwächsen aufwarten. Die Gesamtgruppe trug mehr als zwei Fünftel zum weltweiten Produktionswachstum bei. Zudem steigerten sie ihren Anteil am internationalen Warenaustausch auf mehr als ein Drittel. Der starke Anstieg der Preise von Rohwaren, im letzten Jahr besonders bei Erdöl und Metallen, hat die finanzielle Situation zahlreicher Entwicklungs- und Schwellenländer substanziell verbessert, was deren Importkapazität in den nächsten Jahren kräftig erhöhen dürfte. Die von der Globalisierung noch wenig profitierende Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer (LDC), die von 2004 bis 2006 überproportional zulegen konnten, mussten diesmal aber mit einem durchschnittlichen Wachstum Vorlieb nehmen. Ihr Anteil am globalen Warenhandel liegt weiterhin bei lediglich 0,9%.

 

"Weltexportquote" über der 30 %-Marke

Beachtenswert waren auch 2007 wieder sowohl die absoluten Größenordnungen sowie die sich dahinter verbergende langfristige Dynamik des Welthandels: Im letzten Jahr stieg der Nominalwert der von der WTO erfassten Güterexporte um rund ein Sechstel auf insgesamt 16,8 Bio. $. Vier Fünftel dieser Summe entfiel auf Waren- und ein Fünftel auf Dienstleistungsausfuhren. Gemessen an der weltweit erbrachten Wirtschaftsleistung von schätzungsweise 54 Bio. $ entsprachen die Ausfuhren einer "Weltexportquote" von nunmehr schon 31 %.

 

In nominaler Rechnung haben sich die weltweiten Warenexporte mit nunmehr 13,6 Bio. $ seit 2002 fast verdoppelt, der Zuwachs belief sich 2007 wieder auf 15 %. Dieser war zum Teil auch auf die nochmals gestiegenen Rohstoffpreise zurückzuführen: Gemessen am IWF-Preisindex verteuerten sich NE-Metalle (NE = Nichteisen) und Mineralien im Jahresdurchschnitt um weitere 18 %, Nahrungsmittel um 15 %, Rohöl und andere Brennstoffe um 10 % sowie Agrarrohstoffe um 5 %.

 

Die Exportpreise von Fertigwaren legten mit 9 % diesmal ebenfalls kräftig zu, so dass die Preisaufschläge auf den Vorstufen zunehmend weitergegeben werden.

 

blau:
Die WTO verweist dabei aber auf sehr unterschiedliche Preisentwicklungen bei den verschiedenen Gütergruppen: Während sich Stahlprodukte stark verteuerten, hielten die Preisrückgange besonders im Bereich der Hardware für Telekommunikation an.
blau:
Ferner haben sich die in US-Dollar erfassten Exportpreise natürlich auch je nach Wechselkursentwicklung der nationalen Währung zum US-Dollar unterschiedlich entwickelt. Die WTO benennt in absteigender Reihenfolge: Deutschland (wg. starker Euro-Aufwertung), China, USA, Japan und Korea.

 

Die globalen Dienstleistungsausfuhren legten nominal um 18 % auf 3,3 Bio. $ zu und nahmen damit erstmals seit Jahren wieder stärker als die Warenexporte zu. Zum Zuwachs haben auch hier natürlich Währungsumrechnungseffekte beigetragen. Zudem wuchsen die Transportdienstleistungen nicht zuletzt durch die gestiegenen Treibstoffkosten. Die WTO verweist aber explizit auf die Vorläufigkeit und die generell größere Ungenauigkeit der Dienstleistungsdaten, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher methodischer Umstellungen.

 

Regionalstruktur: EU-25 bleibt vorne

Auch wenn das nominale Wachstum der Exporte 2007 mit 15 % (nach 16 %) fast gleich blieb, verlief die regionale Entwicklung auch diesmal nicht gleichmäßig. Die Regionen mit einem großen Energie- und Rohstoffanteil an ihren Warenausfuhren, nämlich der Nahe Osten, Afrika, die GUS-Staaten und Lateinamerika, mussten nach den starken Jahren 2005 und 2006 diesmal mit geringeren nominalen Exportwachstumsraten Vorlieb nehmen. Gemessen an der globalen Warenausfuhr haben diese vier Regionen einen Anteil von 16 %. Der Welthandel wird also nach wie vor von der Triade, also Europa, Asien und Nordamerika, dominiert (vgl. Tabelle 1). Europa konnte diesmal - vor allem dank der deutschen Exportstärke - als einzige Region mit einem Plus 16 % sogar stärker als in 2006 zulegen. Dabei hatte die EU den Welt-handel dank des jahrzehntelangen Integrationsprozesses in Westeuropa schon lange dominiert, ihr Anteil als EU-27 mit den erstmals einbezogenen Ländern Bulgarien und Rumänien liegt nun bei 39 % (Wenn man den Intra-EU-Handel nicht mehr als echten Außenhandel wertet und entsprechend herausrechnet, betrug der EU-27-Anteil am globalen Warenexport immer noch 16,5 %).

 

 

Tabelle 1: Warenhandel 2007 nach Regionen
 

    Exportwert
(in Mrd. $)
Zuwachs
(in %)
Anteil
(in %)
Nachrichtlich:
Importwert (in Mrd. $)
1 Europa 5769 16 42,5 6055
2 Asien 3798 16 28,0 3528
3 Nordamerika 1854 11 13,7 2704
4 Naher Osten 721 10 5,3 462
5 GUS 508 19 3,7 377
6 Lateinamerika 496 15 3,7 455
7 Afrika 422 15 3,1 355
 
Nachrichtlich: LDC 120 16 0,9 118
 
  Welt 13570 15 100,0 13940

LDC = Least Developed Countries
Quelle: WTO World Trade 2007 (Press release 520)

 

Der Anteil Asiens blieb in 2007 bei 28 %, wobei einmal mehr China mit einem Exportzuwachs von 26 % herausragte. Unter den TOP 30-Ländern hatte nur Tschechien mit 29 % ein größeres Plus zu verzeichnen. Indiens Zuwachs fiel mit 21 % ähnlich wie im Vorjahr aus. Nordamerikas Anteil unter Einschluss Mexikos belief sich zuletzt auf 14 %. Von den drei NAFTA-Ländern konnten nur die USA zweistellig zule-gen, während Mexiko und Kanada dies knapp verfehlten. Dies dürfte nicht zuletzt an der sich verstärkenden Dollar-Abwertung gelegen haben. Angesichts des nach wie vor hohen US-Handelsbilanzdefizit von rd. 850 Mrd. $ haben die massiven Forderungen Washingtons nach einer weiteren Aufwertung asiatischer Währungen, insbesondere des chinesischen Yuans, nur wenig nachgelassen.

 

2007: Deutschland bleibt (nochmals) Exportweltmeister

Beim Blick auf die vielbeachtete WTO-Länderrangliste fällt zunächst die hohe Konzentration auf, denn die TOP 30-Länder vereinten auch 2007 83 % der globalen Warenausfuhren auf sich (rechnet man den Intra-EU-Handel auch hier entsprechend heraus, so kommt man sogar auf einen Anteil von 91 %). Deutschland konnte seine Spitzenposition 2007 mit einem Anteil von 9,5 % problemlos verteidigen, wobei unsere Exporte mit 20 % diesmal stärker als die globalen Ausfuhren wuchsen (vgl. Tabelle 2). Den zweiten Platz belegte erstmals die Volksrepublik China, die mit einem Anteil von 8,8 % nach Japan (2004) nun auch die USA deutlich überholt hat. Obwohl sich in einer durch die globale Finanzmarktkrise angeschlagenen Weltwirtschaft auch das sehr hohe chinesische Exportwachstum abschwächen dürfte, werden die Warenausfuhren der Volksrepublik 2008 weiter überdurchschnittlich zulegen. Von daher darf man gespannt sein, ob Deutschland schon 2008 oder erst 2009 von China als Exportweltmeister abgelöst wird.

 

Auf den Plätzen hinter Japan folgen Frankreich, die Niederlande, Italien, Großbritannien und Kanada (der 2007 für Großbritannien ausgewiesene Rückgang beruht auf statistischen Umstellungen). Die G8-Staaten dominieren also noch die TOP 10, aber andere Länder holen immer mehr auf. So findet man auf den Plätzen 11 bis 20 bereits 8 Schwellenländer. Dies dürfte der latenten Kritik an den nach wie vor auf den G8-Kreis beschränkten Weltwirtschaftsgipfeln neue Nahrung verschaffen.

 

 

Tabelle 2: TOP 10 der Warenexporteure 2007
 

  Land Exportwert
(in Mrd. $)
Zuwachs
(in %)
Anteil
(in %)
Nachrichtlich:
Importanteil (in %)
1 Deutschland 1327 20 9,5 7,5
2 VR China 1218 26 8,8 6,7
3 USA 1163 12 8,4 14,2
4 Japan 713 10 5,1 4,4
5 Frankreich 552 11 4,0 4,3
6 Niederlande 551 19 4,0 3,5
7 Italien 482 18 3,5 3,6
8 Großbritannien 436 -3 3,1 4,3
9 Belgien 432 18 3,1 2,9
10 Kanada 418 8 3,0 2,7
 
  Insgesamt 13900 15 100,0 100

Quelle: WTO World Trade 2007 (Press release 520)

 

Dienstleistungsexporte 2007: Deutschland auf Platz 3

Bei den Dienstleistungsexporten (vgl. Tabelle 3) findet man Deutschland mit einem Anteil von 6 % auf Platz 3 - deutlich hinter den USA (14 %) und Großbritannien (8 %). Japan belegt hier ebenfalls Rang 4 vor Frankreich. Spanien als großes Tourismusziel belegt in dieser Rangliste Platz 6 - noch vor China, das hier aber ebenfalls auf dem Vormarsch in die TOP 4 ist. Irland hat 2007 aufgrund seiner besonderen Stärke bei den Finanzdienstleistungen sogar Indien von Platz 10 verdrängt.

 

 

Tabelle 3: TOP 10 der Dienstleistungsexporteure 2007
 

  Land Exportwert (in Mrd. $) Zuwachs (in %) Anteil (in %) Nachrichtlich:
Importanteil (in %)
1 USA 454 14 13,9 11,0
2 Großbritannien 263 17 8,1 6,3
3 Deutschland 197 18 6,1 8,0
4 Japan 136 11 4,2 5,1
5 Frankreich 130 11 4,0 3,9
6 Spanien 127 21 3,9 3,7
7 VR China 127 27 3,9 4,2
8 Italien 109 12 3,3 3,8
9 Niederlande 91 13 2,8 2,9
10 Irland 87 27 2,7 3,0
 
  Insgesamt 3260 15 100,0 100

Quelle: WTO World Trade 2007 (Press release 520)

 

Welthandel: Verhaltener Ausblick für 2008

Für 2008 rechnet das Genfer WTO-Sekretariat mit einer weiteren Wachstumsverlangsamung beim grenzüberschreitenden Warenverkehr. Wegen der gestiegenen Risiken an den Finanz- und Immobilienmärkten sowie der großen Handelsungleichgewichte dürfte die Weltkonjunktur diesmal stärker an Dynamik einbüssen. Der Zuwachs könnte laut IWF-Prognosen dann nur noch bei knapp 4 % liegen - in seinem Risikoszenario geht der Währungsfonds sogar nur von 3 % aus. Für den globalen Warenhandel wird 2007 in diesem eingetrübten Umfeld ein reales Plus von 4,5 % erwartet, was das schlechteste Ergebnis seit 2002 wäre und klar unter dem 10-Jahresdurchschnitt läge. Analog zum IWF betont auch die WTO die Abwärtsrisiken ihrer Prognose, falls sich die globale Finanzmarktkrise noch länger hinziehen sollte.

 

Vor dem Hintergrund einer schwächeren Weltwirtschaft drohen zudem neue protektionistische Tendenzen in vielen Ländern. Denn sobald die Vorteile des Freihandels an Bedeutung verlieren, wendet sich die nationale Politik vielfach wieder stärker den nicht zu verleugnenden Nachteilen für einzelne Branchen und Regionen zu. So könnte auch ein Sieg der Demokraten bei den US-Präsidentenwahlen im November dem (Neo-)Protektionismus weiteren Auftrieb nicht nur in den USA geben. Die Partei möchte die NAFTA-Vereinbarungen und alle anderen Freihandelsabkommen auf ihre Wirkung für die USA zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu verhandeln. Auch wenn eine Kündigung geltender Verträge unwahrscheinlich erscheint, dürften sich weitere Liberalisierungen zumindest verzögern. Weiteres Ungemach droht aufgrund weltweit steigender Lebensmittel- und Energiepreise: So gibt es aufgrund der massiven Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln schon erste Exportbeschränkungen bei wie Reis oder auch bei Mineralölprodukten.

 

Die konjunkturelle Eintrübung des Welthandels stellt eigentlich ein weiteres Argument zum baldigen Abschluss der Doha-Runde dar. Der Welthandel bedarf gerade in globalen Abschwächungsphasen dringend neuer institutioneller Impulse, am besten im Rahmen des multilateralen Handelssystems der WTO. Dabei sind besonders die großen Handelsnationen wie die USA und die EU-27 für die weitere Liberalisierung des Welthandels verantwortlich, damit dieser seine Schubkraft für die Weltwirtschaft voll entfalten kann. Doch realistischerweise sollte man hier vor dem Amtsantritt der neuen US-Präsidentschaft im Januar 2009 keinen Durchbruch erwarten.

 

© Mai 2008, Akademie für Welthandel, Frankfurt am Main