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Der Ölmarkt nach der OPEC-Tagung: Weltkonjunktur trübt sich ein, aber der "China-Faktor" bleibt

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Auf der jüngsten Tagung der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) wurde eine Erhöhung der offiziellen Ölförderquote um 2 % ab November 2007 bekannt gegeben. Das Produzentenkartell sah aber keinen Anlass für eine größere Änderung seiner Förderpolitik, zumal die von den USA ausgehende leichte Abkühlung der Weltkonjunktur auch den prognostizierten Anstieg der globalen Ölnachfrage dämpfen dürfte. Größere Preisrückgänge sind im Spannungsfeld von konjunktureller Eintrübung und saisonal höherer Nachfrage im Winterhalbjahr allerdings nicht zu erwarten, zumal Risikofaktoren wie die noch laufende Hurrikansaison, niedrige Raffineriekapazitäten und geopolitische Risiken keinesfalls verschwunden sind. Zudem dürfte der "China-Faktor" dem Ölmarkt erhalten bleiben, da der chinesische Wirtschaftsboom nur wenig gebremst weitergehen dürfte.

 

Die jüngste OPEC-Tagung, die am 11. September in Wien stattfand, hat mit einer kleinen Überraschung geendet. Die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC), der nach dem Beitritt Angolas seit Jahresbeginn nun 12 Staaten angehören, will ihre offizielle Ölförderquote ab November um 0,5 Millionen Fass täglich (mbd), das sind 2 %, erhöhen. Rechnet man die Förderung Angolas und des Iraks, die derzeit vom Quotenmechanismus befreit sind sowie die übliche Quotenüberschreitung hinzu, so kommt die OPEC derzeit auf eine Gesamtförderung von rund 30 mbd. Damit deckt sie gut ein Drittel der Weltölnachfrage. Die ungebrochene Schlüsselstellung des Kartells wird noch mehr durch seine Anteile an den globalen Ölreserven von 77 % bzw. den Weltrohölexporten von immer noch gut 50 % unterstrichen.

 

Kein Anlass für größere Änderung der Förderpolitik

Für eine größere Änderung der Förderpolitik gibt es aus OPEC-Sicht derzeit auch kaum Argumente. Zum einen ist das gegenwärtige Ölpreisniveau von über 70 Dollar/Fass ($/b) beim OPEC-Ölkorb für Saudi-Arabien & Co. mehr als zufrieden stellend, so dass zu weiteren Schritten kein Anlass bestand. Zum anderen sieht die OPEC-Mehrheit trotz des hohen Preisniveaus derzeit keine außergewöhnlichen Anspannungen am Ölmarkt, die größere Produktionserhöhungen rechtfertigen würden.

 

Blickt man dazu auf die viel beachteten Lagerbestände in den USA, so lagen die Rohölvorräte trotz der letzten Rückgänge Anfang September immer noch über ihrem langjährigen Durchschnitt. Anders sieht es dagegen bei den Benzin- und Heizölvorräten aus. Die anhaltende Knappheit bei wichtigen Ölprodukten ist aber vor allem ein Problem zu geringer Weiterverarbeitungskapazitäten gerade in den USA. Dies liegt zum einen am alten und damit störanfälligen Raffineriebestand, zum anderen immer noch an den Spätfolgen der Hurrikansaison 2005 - Stichwort Katrina und Rita. An diesem Dilemma würde auch eine größere Quotenerhöhung nur wenig ändern.

 

OPEC-Öleinnahmen auf Rekordhöhe

Welch paradiesische Verhältnisse die hohen Ölpreise dem Kartell in den letzten Jahren beschert haben, zeigt das kürzlich erschienene OPEC-Jahrbuch. Die Öleinnahmen der 12 Mitglieder haben sich seit 2002 mehr als verdreifacht und erreichten 2006 den Rekordwert von 650 Mrd. $. Davon entfielen fast 200 Mrd. $ auf Saudi-Arabien, mit großem Abstand gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Iran, Kuwait und Nigeria. Nimmt man den OPEC-Ölpreisdurchschnitt von 63 $/b in den ersten 8 Monaten dieses Jahres als Maßstab, so ist 2007 ein neuer Einnahmenrekord von etwa 700 Mrd. $ absehbar (vgl. Graphik 1).

    Grafik 1

Ob das derzeit sehr hohe Ölpreisniveau aber auch im kommenden Halbjahr Bestand haben wird, erscheint angesichts der drohenden Eintrübung der Weltkonjunktur zunehmend fraglich. Denn die einst vernachlässigbar erscheinende Hypothekenkrise in den USA hat über den nun stärker betroffenen Bankensektor längst auf die amerikanische Volkswirtschaft übergegriffen und hinterlässt angesichts der zunehmenden Globalisierung auch weltweit erste Bremsspuren.

 

So hat der Internationale Währungsfonds (IWF) gerade angekündigt, dass er wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und ihrer Folgen für die Realwirtschaft seine Wachstumsprognosen für 2007 und 2008 nach unten anpassen wird. Das gilt primär für die USA, aber auch für andere Industrieländer. Von daher wird auch die globale Ölnachfrage geringer als zuletzt prognostiziert zunehmen. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) rechnet in ihrem September-Monatsbericht für 2008 aber immer noch mit einem Anstieg des globalen Ölverbrauchs um 2,4 %, nicht zuletzt wegen der bislang ungebrochenen Wachstumsdynamik in Asien.

 

Der "China-Faktor" bleibt dem Ölmarkt erhalten, ...

Das dynamische Wirtschaftswachstum von fast 10 % in den letzten zwei Jahrzehnten hat auch Chinas Bedarf an Energie stark zunehmen lassen. Für fast alle Energiemärkte bedeutet das mehr Nachfrage, mehr Wettbewerb um endliche Ressourcen und deshalb tendenziell höhere Preise. Dies macht sich gerade auf dem Ölmarkt immer stärker bemerkbar:

blau:
Hier ist China inzwischen der zweitgrößte Ölkonsument nach den USA (vgl. Tab. 1). Die IEA schätzt, dass China allein für ein Drittel des Anstiegs der globalen Ölnachfrage zwischen 2004 und 2007 verantwortlich war und so maßgeblich zum dynamischen Anstieg der Rohölpreise beigetragen hat. Die chinesische Ölnachfrage stieg in diesem Zeitraum im ein Fünftel von 6,4 auf 7,6 mbd. Für 2008 prognostiziert die in Paris ansässige Agentur einen weiteren Anstieg auf 8 mbd.
   

Tabelle 1: Die 10 größten Mineralölverbraucher 2006 (Quelle: ESSO Oeldorado 2007)

    Land Ölverbrauch (in Mio. t)
  1 USA 942
  2 VR China 347
  3 Japan 241
  4 Russland 136
  5 Deutschland 123
  6 Indien 120
  7 Brasilien 104
  8 Kanada 100
  9 Korea 100
  10 Frankreich 94
    TOP 10 insgesamt 2307
    OPEC insgesamt 362
    Welt insgesamt 3896
blau:
Analog zum Nachfragewachstum sind auch die chinesischen Raffineriekapazitäten massiv ausgebaut worden. Mit 312 Mio. t belegt China auch in dieser Rangliste den zweiten Platz hinter den USA vor Russland und Japan.
blau:
Die chinesische Ölförderung wurde zwar ebenfalls sukzessive ausgebaut, konnte aber mit dem Wachstum der Ölnachfrage bei weitem nicht Schritt halten. Sie stieg zwischen 2004 und 2007 um ein Zehntel von 3,5 auf 3,8 mbd. Bei der Ölförderung hat China mittlerweile Mexiko knapp überholt und sich mit einem Anteil von fast 5 % auf den 5. Platz weltweit vorgeschoben (vgl. Tab. 2).
   

Tabelle 2: Die 10 größten Rohölförderer 2006 (Quelle: ESSO Oeldorado 2007)

    Land Förderung (in Mio. t)
  1 Saudi-Arabien (OPEC) 525
  2 Russland 485
  3 USA 314
  4 Iran (OPEC) 198
  5 VR China 186
  6 Mexiko 186
  7 Kanada 152
  8 Venezuela (OPEC) 151
  9 Ver. Arab. Emirate (OPEC) 138
  10 Norwegen 130
    TOP 10 insgesamt 2464
    OPEC insgesamt 1635
    Welt insgesamt 3942
blau:
Einzig bei den Reserven findet man die Volksrepublik nicht unter den TOP10. Hier liegt sie mit 2192 Mio. t hinter Nigeria und Kasachstan weltweit auf dem 12. Platz. In einer statischen Betrachtung würde dies einer Reichweite von nur noch 12 Jahren entsprechen. Weil die Vorkommen aber um ein Drittel niedriger als im Jahr 2000 ausgewiesen werden, scheint gerade bei den besonders heiklen Reservezahlen auch die große Politik im Spiel zu sein.
blau:
Da die Schere zwischen chinesischem Nachfrage- und Angebotswachstum immer weiter mehr auseinanderklafft, muss Peking immer mehr Erdöl importieren. 1993 war man erstmals zum Netto-Ölimporteur geworden, und seit 2003 sind die chinesischen Ölimporte besonders stark gestiegen. Die Selbstversorgungsquote ist mittlerweile auf 50 % gesunken. Diesen Trend hat die boomende Volkswirtschaft aber gut verkraftet, denn trotz der teureren Öl- und Energieimporte konnte die Volksrepublik in den letzten Jahren immer höhere Handelsbilanzüberschüsse ausweisen.

 

... da der Wirtschaftsboom weiter anhalten dürfte

Nachdem das chinesische BIP im 1. Halbjahr sogar um 11,5 % wuchs (vgl. dazu auch unsere China-Artikel vom August 2007), ist trotz der Bremsbemühungen der chinesischen Regierung für das Gesamtjahr zum fünften Mal in Folge mit einem zweistelligen Wirtschaftswachstum zu rechnen. Die chinesische Regierung versucht zwar den Energieverbrauch einzudämmen, doch dagegen sträuben sich viele Behörden auf regionaler und lokaler Ebene, für die das eigene Wirtschaftswachstum Priorität hat.

 

Mit zunehmendem Wohlstand wird sich zum Beispiel auch der Fahrzeugbestand weiter dynamisch erhöhen: So hat sich von 2002 bis 2006 die Zahl der PKW bereits verdoppelt. Mit einer immer größeren Anzahl Autos steigt die Nachfrage nach Ölprodukten und somit auch Chinas Einfluss auf den Ölmarkt. Zwar bemüht sich China um alternative Treibstoffe von Kohleverflüssigung bis Biokraftstoffen, um damit einen Teil des Bedarfs zu decken, der Löwenanteil dürfte jedoch auch weiterhin auf Benzin und Diesel entfallen.

 

Die Entwicklung von Pekings Ölimporten ist derzeit der größte Unsicherheitsfaktor bei der Vorhersage der globalen Ölnachfrage. Die Schlüsselgröße ist weiterhin Chinas Wirtschaftswachstum: Selbst wenn es sich auf 7 % verlangsamt, erwartet die IEA in den nächsten 10 Jahren einen Anstieg der chinesischen Ölnachfrage auf 11 mbd; läuft es mit 9 % weiter, rechnet die IEA mit einer Verdoppelung auf 14 mbd. Die Differenz zwischen den beiden Szenarien ist immerhin etwa so groß, wie das erwartete Nachfragewachstum der gesamten OECD-Länder. Angesichts dieser Größenordnungen ist also auch bei sich abschwächender Wirtschaftsdynamik im "Reich der Mitte" mit weiter kräftig steigenden Ölimporten zu rechnen, zumal die eigene Ölproduktion eher stagnieren denn größer zulegen dürfte. Chinas Anteil an der globalen Öl- und Energienachfrage, aber auch an den weltweiten Emissionen wird damit weiter zunehmen.

 

Fazit: Ölpreis mit begrenztem Abwärtspotenzial

Vor diesem Hintergrund einer - trotz des China-Faktors - leicht reduzierten Verbrauchsprognose darf man gespannt sein, wie sich der Ölpreis in den nächsten Monaten entwickeln wird. Neben dem Spannungsfeld von konjunktureller Eintrübung und saisonal höherer Nachfrage im Winterhalbjahr spielt in den nächsten Wochen auch noch die auslaufende Hurrikansaison im Golf von Mexiko eine Rolle, die bislang wie 2006 die Ölinfrastruktur weitgehend verschont hat. Schließlich sei noch an die "geopolitische Risikoprämie" am Ölmarkt aufgrund der unsicheren Sicherheitslage in vielen Ölförderländern innerhalb und außerhalb der OPEC erinnert. Dieser unberechenbare Faktor hat den Ölpreis in den letzten Jahren immer wieder verteuert.

 

Versucht man alle diese Argumente zu gewichten, so könnte die schwächere konjunkturelle Nachfrage den Ölpreis im Herbst zumindest unter 70 $/b drücken. Für weitergehende Preisrückgänge unter 60 $/b bestehen angesichts der strukturellen Angebotsprobleme gerade im Winterhalbjahr aber kaum Aussichten. Und falls doch, so würde die OPEC vermutlich wieder auf die erprobte Möglichkeit von Angebotskürzungen zurückgreifen, zum Beispiel auf ihrer nächsten Tagung Anfang Dezember. Für den Verbraucher ist das insgesamt eine durchwachsene Nachricht: Zwar könnte das "schwarze Gold" demnächst etwas billiger werden, insgesamt bleibt der Rohölpreis aber dennoch auf einem (sehr) hohen Niveau.

 

© Akademie für Welthandel, September 2007