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Entgegen vielfachen Befürchtungen ist die wirtschaftliche Zäsur nach der Olympiade 2008 in China ausgeblieben. Dank des - gemessen am BIP - weltweit größten Konjunkturpaketes scheint der Pekinger Führung 2009 eine "sanfte Landung" der chinesischen Volkswirtschaft auf einem Wachstumsniveau von 8 % zu gelingen. Das Land der Mitte entwickelt sich damit nicht nur zum Vorreiter beim globalen Aufschwung, sondern dürfte dieses Jahr auch Deutschland als Exportweltmeister ablösen. Chinas geopolitische Rolle wird dadurch weiter gestärkt, wobei Peking beim Weltfinanzgipfel der G20-Staaten und bei der Welthandelsrunde entsprechend gefordert ist. Gleichzeitig bleiben zahlreiche wirtschaftliche und politische Hausaufgaben bestehen, damit China seinen langen Marsch in die Moderne fortsetzen kann.
Auch im Jahr 1 nach der Olympiade in Peking wirbt China auf internationalen Parkett weiter mit seiner Leistungsfähigkeit und dem historischen und kulturellen Erfahrungsschatz. Nachdem Frankfurt schon vor 20 Jahren von seiner Partnerstadt Guangzhou (Kanton) einen chinesischen Garten im Bethmannpark gestiftet bekam, kam die Mainmetropole in diesem Jahr gleich doppelt in den Genuss chinesischer Kultur:
Unter dem Motto "China: Reich der Mitte - Mitten in Frankfurt" war China Ende August Schwerpunktthema des diesjährigen Museumsuferfestes. Dabei legten nicht nur die verschiedenen Museen den Fokus auf ihre zahlreichen China-Exponate, sondern es gab auch ein eigenes China-Areal am Mainufer. | |
Mitte Oktober war China dann Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Unter dem Motto "Tradition und Innovation" wurde ein vielfältiges Programm rund um die chinesische Kultur und Literatur präsentiert. Neben den chinesischen Verlagen fand man auch die Buchausstellung "Books on China". |
China wird 2008 zweitgrößter Automobilproduzent ...
Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA Pkw) in der zweiten Septemberhälfte in Frankfurt war China zwar kein Gastland, gleichwohl ist das Reich der Mitte auch auf dem internationalen Automobilmarkt im Kommen. So stellt der Verband der Automobilindustrie (VDA) in seinem Jahresbericht 2009 fest, dass sich China bei den bedeutendsten Automobilherstellerländern mit 9,3 Mio Einheiten auf Platz 2 hinter Japan und vor die USA und Deutschland geschoben hat. Das entsprach einem Anteil von 13,6 % an der Weltautomobilproduktion in 2008 (vgl. Tab 1). Bei den Herstellerfirmen liegen dennoch die Unternehmen aus den Ländern der Triade vorne, die aber wegen der hohen PKW-Einfuhrzölle von 25 % fast alle mit Produktionsstätten und Joint Ventures in China vertreten sind. Chinesische Marken beginnen hingegen erst sehr langsam, auf den großen Exportmärkten Fuß zu fassen und haben auch die IAA-Plattform in Frankfurt zur Marktbeobachtung und für weiteres Marketing genutzt.
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Tabelle 1: Automobilproduktion 2008
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... aber auch Chinas Pkw-Markt bekommt Wachstumsdämpfer
Im Zuge des globalen Abschwungs musste auch die Volksrepublik eine Abschwächung ihrer Wirtschaftsdynamik in Kauf nehmen, wovon der Fahrzeugmarkt nicht unberührt blieb. Entsprechend der geringeren Dynamik im Gesamtmarkt fiel der Zuwachs der chinesischen Pkw-Produktion schwächer als zuvor aus; diese legte im Jahr 2008 noch um 6 % auf 5,7 Mio. Einheiten zu. Auch bei den Neuzulassungen gab es zu Jahresbeginn 2008 ebenfalls einen ordentlichen Start, bevor die Zuwachsraten beim Pkw-Absatz im weiteren Jahresverlauf dahin schmolzen. Die deutschen Hersteller steigerten ihren Absatz in China im Jahr 2008 um 9 % und verkauften damit erstmals mehr als 1 Mio. Pkw. Während auf die chinesischen Anbieter ein Viertel des Absatzes entfiel, erreichte der deutsche Marktanteil gut 18 %. Insgesamt wurden 2008 in China mit 5,7 Mio. Fahrzeugen 7 % mehr Pkw neu zugelassen. Dies war zwar die niedrigste Zuwachsrate seit dem Jahr 2000, trotzdem verteidigte die Volksrepublik die zweite Position im Ranking der weltweit wichtigsten Verkaufsländer.
Neben der Konjunkturabschwächung machten sich höhere Kosten im Zuge der Anhebung der Kraftstoffpreise sowie der Steuer beim Kauf größerer Pkw negativ bemerkbar. Eine höhere Inflation sowie fallende Aktienkurse in Shanghai und Hongkong sorgten für eine zögerliche Haltung beim Autokauf. Um die Autobranche zu stützen und zu den zweistelligen Zuwachsraten der Vergangenheit zurückzukehren, hat die Regierung niedrigere Steuern beim Autokauf eingeführt und plant Anreize zur Entwicklung umweltfreundlicher Technologien. So forciert Peking mit hohen Subventionen den Bau von Elektroautos, um hier bis 2011 zum Weltmarktführer aufzusteigen. Denn während der Westen bei klassischen Verbrennungsmotoren die Nase vorn hat und die Japaner bei Hybridfahrzeugen führend sind, will China dieses Zukunftssegment frühzeitig besetzen. Darüber hinaus soll die Konsolidierung der chinesischen Automobilbranche in den kommenden Jahren weiter vorangetrieben werden, denn diese ist mit rund 100 Anbietern nach wie vor extrem zersplittert und steht auch einer größeren Weltmarktorientierung entgegen.
Exportweltmeister 2009: China dürfte Deutschland ablösen ...
Beim Außenhandel steht die Wachablösung des langjährigen Exportweltmeisters Deutschland unmittelbar bevor. (vgl. dazu auch unseren Artikel "2009: Gravierender Einbruch beim Welthandel" vom Mai 2009). In der Weltrangliste der Warenexporteure der Welthandelsorganisation WTO konnte die Bundesrepublik ihre Spitzenposition 2008 mit einem Anteil von 9,1 % zwar erneut verteidigen, allerdings nur noch ganz knapp vor der VR China. Dann folgten die USA und mit Abstand Japan (vgl. Tab.2).
Ergänzend sei angemerkt, dass Hongkong 10 Jahre nach seiner politischen - nicht wirtschaftlichen - Rückkehr zur VR China zudem mit Exporten von 370 Mrd. $ schon auf Platz 13 der vielbeachteten WTO-Exportrangliste 2008 stand: Davon waren aber nur ganze 17 Mrd. $ eigene Exporte, während die übrigen 353 Mrd. $ auf Re-Exporte aus der VR China entfielen. Hongkong bleibt damit nach wie vor Chinas Tor zur Welt, über das rund ein Viertel seines Warenhandels abgewickelt wird.
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Tabelle 2: TOP 10 der Warenexporteure 2008
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Im 1. Halbjahr 2009 lagen Deutschland und China nach ersten WTO-Berechnungen mit Warenexporten von jeweils 522 Mrd. $ schon gleichauf. Das Jahresergebnis 2009 wird natürlich nicht nur von der Entwicklung der Exportmengen, sondern auch von den Wechselkursen abhängen. Ein hoher Euro-Kurs erschwert zwar unseren Exporteuren die Geschäfte außerhalb der Euro-Zone, bei der Umrechnung für die in US-Dollar ausgewiesene WTO-Statistik verbessert er aber die deutsche Position gegenüber China. Bei den Exporten geht die WTO für 2009 mittlerweile von einem realen Rückgang des Welthandels von mehr als 10 % aus. China dürfte hier aber trotz des ersten Minus seit Jahrzehnten doch etwas besser als die Bundesrepublik abschneiden. Insgesamt spricht dieser Faktor eher für China als neuen Exportweltmeister. Dieser baldige Führungswechsel dürfte auch den Ambitionen Pekings auf eine stärkere weltpolitische Führungsrolle weiteren Auftrieb verleihen.
... und die G20 könnten bald die G8 ablösen
Hierzu kommt China auch die "internationale Schwerpunktverlagerung" von den G8 zu den G20 mehr als recht, da in letzterer Gruppe mit den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und VR China) sowie Mexiko und Südafrika auch die wichtigsten Schwellenländer vertreten sind. Der G8-Kreis der klassischen Industrieländer und Russlands sowie die in diesem Rahmen veranstalteten Weltwirtschaftsgipfel scheinen dagegen langsam zum Auslaufmodell zu werden. Die Federführung bei der Bekämpfung der globalen Finanzkrise und den daraus zu ziehenden Lehren liegt jedenfalls eindeutig bei den G20. Nach dem zweiten Weltfinanzgipfel vom April in London fand am 24./25. September das dritte Treffen in Pittsburgh/USA statt. Auf der Tagesordnung standen u. a.
ein geordneter Rückzug aus den staatlich finanzierten Konjunkturprogrammen, konkret eine vorsichtige "Exit-Strategie" für das Jahr 2010, | |
eine Verbesserung der Mittelausstattung des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Vorbereitung auf künftige Krisen, | |
eine faire Lastenverteilung der Kosten der Finanzkrise zwischen dem Bankensektor und dem Staat | |
sowie möglichst gemeinsame Vergütungsregeln für Banker, insbesondere bei den umstrittenen Bonuszahlungen. |
Gerade der zweite Punkt wurde auf der Jahrestagung von IWF und Weltbank Anfang Oktober in Istanbul weiterentwickelt: Denn das IWF-Instrument der "Neuen Kreditvereinbarungen" (New Arrangements to Borrow) soll um insgesamt 500 Mrd. $ aufgestockt werden. Nachdem die Europäer ihre Zusage im Vorfeld des Gipfels auf 125 Mrd. $ aufgestockt haben, dürften die noch fehlenden Mittel von Schwellenländern wie China oder den arabischen Golfstaaten aufgebracht werden. Zusammen mit den neuen Ländergewichten bei Abstimmungen könnten die wichtigen Neuerungen dann auf der Frühjahrstagung im April in Washington endgültig beschlossen werden.
Erfolgreiche Doha-Runde als globales Konjunkturpaket?
Eine verstärkte internationale Kooperation ist auch bei der WTO gefragt, soll die schon seit 2001 laufende Welthandelsrunde ("Doha-Runde") nach mehrjährigem Quasi-Stillstand 2010 endlich zum Abschluss gebracht werden. Nach dem stärksten Einbruch der Nachkriegszeit könnten neue Liberalisierungsimpulse aus Genf die Weltwirtschaft bei der Rückkehr auf alte Wachstumspfade maßgeblich unterstützen. Während der Fokus der Verhandlungen und des medialen Interesses bislang bei den landwirtschaftlichen Produkten liegt, fordern große Verbände wie der VDA auch einen stärkeren Abbau von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen bei Industrieprodukten. So liegen die Importzölle für PKW in den sechs großen asiatischen Schwellenländern derzeit noch zwischen 25 % und 80 %. Die europäische Automobilindustrie hat dazu für die WTO-Verhandlungen sowohl einen umfangreichen Forderungskatalog als auch ein komplexes Verhandlungspaket vorgelegt.
Für den Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandel (BGA) wäre der baldige Abschluss der Doha-Runde ein wichtiges Konjunkturprogramm. Denn nicht nur den deutschen Exporteuren bereiten zunehmende protektionistische Tendenzen zur Sicherung heimischer Arbeitsplätze Sorgen. So klagt der BGA-Geschäftsführer: "Noch sehen wir keine große Welle, aber es gibt kleine, alltägliche Einschränkungen, etwa die ‚Buy national'-Klauseln im chinesischen Konjunkturpaket". Angesichts der trotz der Wirtschaftskrise immer noch hohen chinesischen Handelsbilanzüberschüsse kann sich Peking eigentlich auch künftig eine liberalere Importpolitik leisten.
Stark defizitärer deutsch-chinesischer Außenhandel
Trotz der großen geographischen Entfernung hat die bilaterale Verflechtung der beiden großen Volkswirtschaften seit der außenwirtschaftlichen Öffnung Chinas stark zugenommen. Das bilaterale Handelsvolumen hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt und ist ein Indiz der großen Dynamik im deutschen Außenhandel mit den asiatischen Schwellenländern. Der Warenaustausch mit China betrug 2008 stattliche 93,5 Mrd. € nach 86,5 Mrd. € im Vorjahr: Dabei stiegen die deutschen Exporte binnen Jahresfrist von 30 auf 34 Mrd. €, während die Importe diesmal unterdurchschnittlich von 56 Mrd. auf 59 Mrd. € zulegten. Vergleicht man die 2008er-Zahlen mit dem Niveau von 2000, so hat sich der Anteil Chinas am deutschen Warenhandel von 1,6 % auf 3,4 % bei den Exporten sowie von 3,4 % auf 7,3 % bei den Importen erhöht. Beides ist der größte Marktanteilsgewinn eines Landes in diesem Jahrzehnt.
Aus deutscher Sicht stand die VR China 2008 mit den genannten 34 Mrd. € auf Platz 11 der Exportrangliste, bei den nicht-europäischen Partnern aber immerhin auf Rang 2 hinter den USA und knapp vor Russland. Bei den Importen findet man China schon auf Platz 3 hinter den Niederlanden und Frankreich und noch vor den USA. Die Zahlen zeigen ferner, dass China zu den wenigen Ländern gehört, mit denen die Bundesrepublik trotz ihres riesigen Exportüberschusses von zuletzt 179 Mrd. € sogar ein bilaterales Handelsbilanzdefizit aufweist. Mit -25 Mrd. € war 2008 gegenüber China der mit Abstand größte deutsche Fehlbetrag vor Norwegen (-14,5 Mrd. €), Irland (-11 Mrd. €) und Japan (-8 Mrd. €) zu verzeichnen. Im 1. Halbjahr hat sich der bilaterale Saldo etwas verringert, das kumulierte Defizit von Januar bis Juni 2009 lag bei -9,3 Mrd. €.
China als Vorreiter beim globalen Aufschwung
Knapp ein Jahr nach dem Kollaps von Lehman Brothers scheint das Ende der globalen Krise gekommen, denn die Erholung der Weltwirtschaft hat nach Einschätzung des IWF nunmehr begonnen. Während manche Regionen wie Osteuropa und Russland noch länger unter den Folgen der Krise leiden werden, sieht die wirtschaftliche Lage in China viel besser aus. Dort gab es keine erkennbare Rezession, es lässt sich lediglich ein Wachstumsknick zwischen Frühjahr 2008 und Frühjahr 2009 ablesen. Auch wenn das Bild, dass sich China anschickt, die Welt aus der Rezession zu ziehen, etwas zu hoch gegriffen scheint, so ist die Volksrepublik doch sehr glimpflich durch die Krise gekommen. Die offiziellen Daten weisen für die ersten beiden Quartale 2009 ein BIP-Wachstum von 6,1 % und dann schon 7,9 % gg. Vorjahr aus, so dass das erklärte (politische) Ziel von 8 % Wachstum im Jahr 2009 noch erreichbar ist. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute gehen in ihrem jüngsten Herbstgutachten jedenfalls von einem BIP-Plus von 8 % (2009) und 8,5 % (2010) aus. Peking scheint also die erhoffte sanfte Landung gelungen zu sein (vgl. dazu auch unseren Artikel "China - Zäsur nach der Olympiade?" vom Oktober 2008).
Die Volksrepublik hat den Einbruch im Exportgeschäft durch einen Aufschwung auf dem Binnenmarkt aufgefangen, der durch milliardenschwere Konjunkturprogramme angeschoben wurde. Zudem hielt sie die Staatsbanken, die der Regierung auch als Subventionsvehikel dienen, zu einer Ausweitung der Kreditvergabe an. Im "chinesischen Staatskapitalismus" ist eine Kreditklemme für die Wirtschaft dadurch sehr unwahrscheinlich geworden. Das ist gerade für die Finanzierung zahlreicher Infrastrukturprojekte im Verkehrs-, Energie- und Telekombereich von Bedeutung. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft hat sich China noch stärker als die USA mit Konjunkturprogrammen gegen die Krise gestemmt. Schätzungen gehen von 400 Mrd. € bzw. 14 % des BIP aus, die in die Ankurbelung der Inlandsnachfrage fließen. Die USA gaben zwar 800 Mrd. $ zur Konjunkturstützung aus, dies sind aber lediglich 5,5 % ihres BIP.
An den Finanzmärkten sind die Umfragen unter Einkaufsmanagern der Industrie ein wichtiger Gradmesser für Expansionszeichen. Schon im März überschritt der chinesische Einkaufsmanagerindex die 50-Punkte-Marke, die einen Aufschwung signalisiert, und er hat dieses Niveau seitdem gut gehalten. Auf den Fersen Chinas waren Japan und Großbritannien, wo der Index im Juli den Sprung über die Expansionsschwelle schaffte und die USA, wo sich der ISM-Index im August auf 53 erholte. Deutschland und die EWU hinken hier trotz Verbesserungen noch hinterher.
Weitere wirtschaftliche Hausaufgaben für Peking
Aktuell besteht aber noch die Besorgnis, ob die Binnennachfrage schon robust genug für ein Auslaufen der staatlichen Konjunkturimpulse geworden ist. Und wann kann die Auslandsnachfrage wieder einen relevanten Beitrag zu Chinas BIP-Wachstum leisten? Von daher dürfte die lockere Geldpolitik Pekings vorerst noch beibehalten werden, zumal bei Erzeuger- und Verbraucherpreisen immer noch leichte Preisrückgänge zu verzeichnen sind. Führende Wirtschaftspolitiker in Peking sehen einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel derzeit noch skeptisch: "Das wäre so, als ob man auf halbem Weg aufgibt und die früheren Bemühungen verschenkt." Das deutsche Herbstgutachten sieht auch nächstes Jahr noch großen fiskalpolitischen Spielraum, weil das öffentliche Defizit 2009 mit rund 3 % des BIP moderat ausfallen wird und der Schuldenstand der öffentlichen Hand relativ gering ist.
Doch die Nebenwirkungen der massiven Krisenmedizin sind unübersehbar. Experten fürchten, dass Chinas Wachstum nicht nachhaltig ist, sondern zu einem beträchtlichen Teil auf neuen Blasen an den Börsen und Immobilienmärkten beruht. Der Leitindex hat sich seit Jahresbeginn zeitweise fast verdoppelt, und in den 70 größten Städten lagen die Immobilienpreise nach Angaben des Nationalen Statistikbüros im Juli nach einem tiefen Fall bereits wieder knapp über dem Vorjahreswert. Selbst offizielle Stellen gehen davon aus, dass ein Teil des Geldes, das Aktien- und Wohnungspreise in die Höhe treibt, aus dem staatlichen Konjunkturpaket zweckentfremdet wurde. Vor diesem Hintergrund macht jetzt das Zauberwort vom "finetuning", sprich einer "kontrollierteren expansiven Geldpolitik", in wirtschaftspolitischen Kreisen die Runde.
Bei aller Genugtuung über das vermutliche Ende der Rezession betont auch der IWF, dass für eine stabile Genesung der Weltwirtschaft in Zukunft ein stärkerer Konsum in Asien nötig sei. Da die US-Amerikaner angesichts der unsicheren Arbeitsmarkt- und damit auch Einkommensaussichten vorsichtiger bei der privaten Verschuldung geworden seien, kommt insbesondere China eine wichtigere Rolle als globale Konjunkturlokomotive zu. Das bevölkerungsreichste Land im Fernen Osten mit gut 1,3 Mrd. Einwohnern müsse für die Ankurbelung der heimischen Konsumnachfrage aber die sozialen Sicherungssysteme verbessern und mehr Haushalten die Möglichkeit geben, an Kredite zu gelangen, fordern nicht nur die IWF-Ökonomen.
Ferner gilt es, die großen regionalen Disparitäten nicht noch größer werden zu lassen und mehr Einkommensmöglichkeiten in ländlichen und entfernten Regionen zu schaffen. Entsprechende Erfolge könnten auch soziale und regionale bzw. kulturelle Spannungen abbauen und damit Chinas langen Marsch in die Moderne fortsetzen und absichern helfen.
© Oktober 2009, Akademie für Welthandel AG, Frankfurt am Main