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ARTIKEL

Rechenspiel um den guten Tabellenplatz
Mal Platz drei, mal Platz fünf - je nachdem

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China auf der wirtschaftlichen Überholspur - das signalisieren die gestern veröffentlichten Wachstumszahlen: Um 11,9 Prozent legte Chinas Wirtschaft im zweiten Quartal zu, teilte das Statistikamt des Landes mit. So stark stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit zwölf Jahren nicht mehr. Die Volksrepublik sei damit auf dem besten Weg, Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsnation der Erde abzulösen, meint das chinesische Amt.

 

Es gibt verschiedene Arten, das Bruttoinlandsprodukt zu berechnen. Die chinesische Entwicklung ist noch beeindruckender, wenn man die Rechnung auf Basis der Kaufkraftparität macht (Kaufkraftparität liegt dann vor, wenn in zwei geografischen Räumen Waren und Dienstleistungen eines Warenkorbs für gleich hohe Geldbeträge erworben werden können). Am besten lässt sich das anhand des so genannten Big-Mac-Index der Zeitschrift Economist verdeutlichen: Danach kostet der nahezu identische Doppel-Hamburger in der Eurozone durchschnittlich 4,17 Dollar, in China dagegen nur 1,45 Dollar. Auf dieser Basis berechnet, nimmt China mit einem Bruttoinlandsprodukt von zuletzt 8100 Milliarden Dollar den Rang der zweitgrößten Volkswirtschaft hinter den USA ein. Zum Vergleich käme Deutschland bei dieser Rechnung nur auf 2900 Milliarden.

 

In einer weiteren Version, nämlich der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts zu aktuellen Wechselkursen, liegt China derzeit mit insgesamt 2300 Milliarden Dollar Jahresleistung erst auf Platz fünf der Weltrangliste hinter den USA, Japan, Deutschland und Großbritannien. Dieser Betrag entspricht etwa drei Viertel der deutschen Wirtschaftskraft im laufenden Jahr. Die Experten von Goldman Sachs glauben, dass China spätestens im Jahr 2040 auch an den Amerikanern vorbeiziehen wird.

 

Ein genauerer Blick auf die Datenlage zeigt: Allein durch die riesige Bevölkerungszahl von 1,3 Milliarden Menschen kommt China in den Kreis der größten Wirtschaftsmächte. Betrachtet man jedoch das BIP pro Kopf, entpuppt sich China als armes Land: Mit 2300 Dollar rangiert es noch hinter manchen afrikanischen Staaten. Schätzungsweise 600 Millionen Chinesen leben von der Hand in den Mund.

 

Auf der anderen Seite werden in China heute zwei Drittel aller Kopiergeräte, Mikrowellen und DVD-Spieler weltweit produziert, China nimmt ein Viertel des Stahls auf dem Weltmarkt ab und ist der zweitgrößte Öl-Importeur. Der Handel mit Deutschland blüht - unabhängig davon, wer nun Dritter in der Weltökonomie-Wohlstands-Tabelle ist.

 

China leitet aus der wirtschaftlichen Entwicklung auch Forderungen ab. Zum Beispiel die, höhere Kapital- und Stimmanteile beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu bekommen, wo das Land in der Tat bislang nicht ausreichend vertreten ist. Nach den strengen Regeln des IWF müsste China eigentlich statt der ihm bisher zugebilligten zwei Prozent heute sieben Prozent am Fonds halten.

 

Auch als Argument für eine Erweiterung der G8-Gruppe zur G9 inklusive China führt das Land die schiere Größe seiner Volkswirtschaft ins Feld. Doch Statistiken sind geduldig. Die Datensammler dringen nicht bis in die hintersten Winkel des Riesenreichs vor. Insgesamt arbeitet weniger als ein Fünftel der Erwerbsbevölkerung in der Industrie, im Bergbau oder Baugewerbe, wo die Datenerhebung noch einigermaßen funktioniert.

 

© Frankfurter Rundschau, August 2007