Als Exportweltmeister profitiert Deutschland in besonderem Maße von den zusätzlichen "Petrodollars" der Öl- und Gasexportländer. Der Anteil der Ausfuhren in die OPEC-Länder sowie nach Russland und Norwegen an den Gesamtausfuhren hat sich zwischen 2001 und 2005 schon von 5% auf 6% erhöht. Der durch Großprojekte bedingte time-lag bei der Verwendung der Öleinnahmen birgt zudem noch weiteres Export-Potenzial. Damit dürften sich die deutschen Ausfuhren in diese Ländergruppe auch in den nächsten Jahren überdurchschnittlich entwickeln. Hauptprofiteure des geschilderten Investitionsbooms sind in Deutschland der Maschinenbau und die Elektroindustrie.
Die hohen Energiepreissteigerungen haben im letzten Jahr deutliche Spuren im deutschen Außenhandel hinterlassen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht meistens die Verteuerung der Energieimporte, denn Brent-Rohöl notierte im Jahresdurchschnitt 2005 mit 55 $/b fast die Hälfte höher als im Vorjahr (vgl. dazu auch unseren Artikel "Teure deutsche Energierechnung" vom April 2006). Den dämpfenden Effekten der Ölpreishausse stehen jedoch auch positive Impulse gegenüber, die zwar nicht ganz so spektakulär, aber trotzdem nicht zu unterschätzen sind: Dies sind in erster Linie die verbesserten Absatzmöglichkeiten in den zahlreichen Öl- und Gasexportländern.
So hebt die Genfer Welthandelsorganisation WTO in ihrer Pressemitteilung zur Entwicklung des Welthandels im Jahr 2005 insbesondere Afrika, den Mittleren Osten, Lateinamerika und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) als Profiteure des starken Öl- und damit auch Gaspreisanstiegs hervor. Diese Regionen sind Netto-Energieexporteure und haben durch den Preisanstieg der letzten beiden Jahre einen überdurchschnittlichen Anstieg ihrer Warenexporte erzielt (vgl. Tabelle 1). Afrika und der Mittlere Osten konnten dadurch sogar den höchsten Anteil am "world merchandise export" in den letzten beiden Jahrzehnten verzeichnen.
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Tabelle 1: Globaler Warenhandel 2005 nach Regionen
Quelle: WTO World Trade 2005 (Press release 437) |
OPEC-Länder als Hauptnutznießer der hohen Ölpreise
Viele Staaten der genannten Regionen gehören bezeichnenderweise der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) an, um ihre ähnlich gelagerten Interessen gegenüber Verbraucherländern und Ölgesellschaften besser wahren zu können. Ein kurzer Blick auf die Gründungshistorie zeigt, dass die OPEC im Herbst 1960 in Bagdad von Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela gegründet wurde, um gemeinsam die damalige totale Abhängigkeit der einzelnen Förderländer von den multinationalen Ölgesellschaften zu beenden. Der Rohstoff Öl, für die meisten Länder die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle, sollte stärker in den Dienst der nationalen Entwicklung gestellt werden. Später kamen Katar (1961), Indonesien und Libyen (1962), Abu Dhabi (1967, seit 1973 mit Dubai und fünf anderen Emiraten als Vereinigte Arabische Emirate), Algerien (1969), Nigeria (1971), Ecuador (1973) und Gabun (1975) hinzu.
Da die beiden letztgenannten 1992 bzw. 1995 aus finanziellen Gründen wieder ausgetreten sind, besteht das Kartell seit einem Jahrzehnt aus 11 Mitgliedern. Die Mitgliedschaft des Irak war jedoch wegen des Überfalls auf Kuwait im August 1990 lange Jahre suspendiert. Mit der Rückgewinnung der staatlichen Souveränität nach dem Sturz des Hussein-Regimes ist zwar eine Rückkehr in Quotenverbund geplant. Allerdings leidet die irakische Förderung noch immer unter den zahlreichen Anschlägen und hat sich unter dem Niveau von vor dem Irak-Krieg eingependelt.
Zusammen vereint die OPEC immerhin mehr als zwei Drittel der globalen Ölreserven auf sich. 2005 entfielen zwei Fünftel der gesamten Ölförderung, aber über die Hälfte des weltweit gehandelten Rohöls auf das Kartell. Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass sich unter den 10 größten Ölförderländern mit den USA und China auch große Ölverbraucher befinden, die deshalb sogar Netto-Ölimporteure sind (vgl. Tabelle 2). Die Öleinnahmen der 11 OPEC-Staaten erhöhten sich 2005 durch eine leichte Zunahme der Mengenkomponente und die bekanntlich starke Steigerung bei der Preiskomponente um beachtliche 100 Mrd. auf einen Rekordwert von rund 450 Mrd. $.
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Tabelle 2: Die 10 größten Rohölförderer 2005
Quelle: WTO World Trade 2005 (Press release 437) |
OPEC, Russland und Norwegen als wichtigste Energielieferanten
Nimmt man zu den 11 OPEC-Ländern noch Russland und Norwegen als große Öl- und Gaslieferanten hinzu, so hat man einen aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvollen Kern von Energieexporteuren, die von der anhaltenden Energiepreishausse am meisten profitieren. Großbritannien, die Niederlande und Kanada sind zwar für die Nordhalbkugel ebenfalls wichtige Energielieferanten. Sie werden hier aber ausgeklammert, da sie breiter aufgestellte Industrieländer sind und ihr Außenhandel damit nicht so stark von der Energieseite geprägt ist.
Von den zusätzlichen "Petrodollars" haben die meisten Industrieländer schon in der Vergangenheit durch höhere Exporte stark profitiert, wobei Deutschland als "Exportweltmeister" besonders großer Nutznießer war und ist. Allerdings sind gerade die OPEC-Staaten nach teilweise schlechten Erfahrungen jetzt nicht in einen Ausgabenrausch verfallen und geben ihre unverhofften Einnahmen nicht mehr so schnell aus wie nach den ersten beiden Ölkrisen. Nach dem Vorbild Norwegens legen sie mit speziellen Zukunftsfonds immer häufiger Mittel für die Zeit "nach dem Öl" zurück. Um die Risiken für Erdöl exportierende Länder zu reduzieren, gibt auch der IWF einige konkrete Empfehlungen: Die Länder sollten die hohen Einnahmen aus den Ölexporten nutzen, um Investitionen in den Bereichen Infrastruktur, Bildung und Gesundheitswesen zu steigern. Damit könnten sie für ein nachhaltig hohes Wachstum sorgen.
So hat gerade das arabische Emirat Dubai im vergangenen Jahrzehnt demonstriert, wie eine Volkswirtschaft von der einseitigen Abhängigkeit vom Erdöl befreit werden kann - heute beträgt dessen Anteil am BIP nur noch 5%. Auch andere Golfstaaten werden in den kommenden Jahren diesem Beispiel nacheifern und dabei umfangreiche Investitionen vornehmen. So sind schon in den letzten Jahren zum Teil gigantische Vorhaben nicht nur in der Erdöl- und Gasindustrie, sondern auch in der Infra-struktur, dem Tourismus und in der Bauwirtschaft in Angriff genommen oder angekündigt worden. Gerade die aufwändigen Infrastruktur- und viele andere Großprojekte haben längere Vorlaufzeiten, wodurch die Importe erst verzögert anziehen. Dieser time-lag bei der Verwendung der Öleinnahmen birgt aber aus Sicht der Industrieländer aber noch einiges Potenzial für die nächsten Jahre.
Deutscher Export in die Ölländer gewinnt an Fahrt
Die Daten zur Regionalstruktur des deutschen Außenhandels zeigen gleichwohl, dass unsere Exporte in die Ölförderländer schon in den letzten Jahren spürbar angezogen haben. Dazu noch eine statistische Vorbemerkung: Bei der Regionalstruktur des Außenhandels in der Leistungsbilanz weist die Deutsche Bundesbank Exporte und Importe jeweils fob ("free on board") und einschließlich der Ergänzungen zum Außenhandel aus. Diese Werte und auch die Salden stimmen von daher nicht ganz mit den gebräuchlicheren Zahlen der Handelsbilanz und ihrer Aufteilung nach einzelnen Ländern (Spezialhandel - Exporte fob, Importe cif) überein.
Während der deutsche Gesamtexport 2005 in dieser Abgrenzung um 8% zum Vorjahr auf 782 Mrd. € stieg, konnten die Warenausfuhren in die Ölländergruppe rund doppelt so stark zulegen. Sie wuchsen um ein Sechstel auf 45 Mrd. € (vgl. Tabelle 3).
| Den stärksten Zuwachs von 18% auf 22 Mrd. € gab es bei den Lieferungen in den OPEC-Raum. Mit jeweils gut 4 Mrd. € waren dort der Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien die wichtigsten Abnehmer und vereinigten über die Hälfte des Gesamtwertes auf sich. Über der Milliarden-Schwelle lagen zuletzt auch noch Indonesien und Algerien. | |
| Die Exporte nach Russland legten 2005 um 15% auf 17,5 Mrd. € zu, womit Moskau sich auf Platz 13 der deutschen Exportrangliste vorgearbeitet hat. | |
| Nach Norwegen stiegen die Ausfuhren um 13% auf fast 6 Mrd. €. Damit rangiert Oslo auf Platz 26 der unserer Exportrangliste. |
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Tabelle 3: Deutscher Außenhandel mit wichtigen Energieexportländern (in Mrd. €)
Quelle: Deutsche Bundesbank, Zahlungsbilanzstatistik Juni 2006 |
Nimmt man die genannten 13 Länder zusammen, so lagen die Exporte in diese Gruppe der Öl- und Gaslieferanten mit 45 Mrd. € um 6 Mrd. über dem Vorjahresniveau. Das entspricht immerhin in etwa den Ausfuhren der Bundesrepublik in die EU-Partner Niederlande, Belgien oder Österreich. Der Anteil der "Energiegruppe" am deutschen Gesamtexport hat sich zwischen 2001 und 2005 schon von 5% auf 6% erhöht. Aufgrund ihrer besonders gefragten Exportpalette wies die Bundesrepublik gegenüber der OPEC-Ländergruppe sogar einen Handelsbilanzüberschuss von zuletzt immer noch 5 Mrd. € auf. Dagegen war der Warenhandel 2005 gegenüber Russland mit 3 Mrd. € leicht und gegenüber Norwegen mit 6 Mrd. € stärker defizitär. Gegenüber der Gesamtgruppe rutschte der Außenhandelssaldo wieder ins Defizit. Der Passivsaldo belief sich dabei auf moderate 5 Mrd. €, verglichen mit einem Gesamtüberschuss im Außenhandel von immerhin rund 155 Mrd. €.
Hauptprofiteure des geschilderten Investitionsbooms sind in Deutschland der Maschinenbau und die Elektroindustrie. Großanlagenbauer wie Linde, Siemens und Thyssen-Krupp erhielten im vergangenen Jahr so viele Bestellungen wie nie zuvor. Für die Firmen zahlen sich nicht zuletzt die guten wirtschaftlichen Beziehungen zu den Rohstoffförderländern im Nahen Osten und zu Russland aus. Gerade für den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) sind die hohen Rohstoff-preise nach eigenen Aussagen derzeit eher Segen als Fluch: Bergbaumaschinen, Hütten- und Walzwerkseinrichtungen, Fördertechnik und Pumpen von deutschen Herstellern sind gefragt wie selten zuvor. Aber auch Landtechnik oder Verfahrenstechnik boomen, weil die Rohstoffförderländer mit den sprudelnden Petrodollars ihr Produktionsprogramm diversifizieren.
Die gute letztjährige Exportperformance Deutschlands wird auch dadurch unterstrichen, dass es seinen Spitzenplatz als Exportweltmeister in der WTO-Rangliste für 2005 gut verteidigen konnte - nicht zuletzt dank der gestiegenen Lieferungen in die Energieexportländer. Mit einem Anteil von gut 9% am globalen Warenhandel lag die Bundesrepublik weiter unangefochten vor den USA, China und Japan (vgl. Tabelle 4). Interessanterweise halten sich immer noch alle G7-Staaten unter den TOP 10, auch wenn die Schwellenländer immer weiter aufholen. Von den behandelten Ölexporteuren findet man Russland auf Platz 13 (2,4%), Saudi-Arabien auf Platz 18 (1,7%), die Vereinigten Arabischen Emirate auf Platz 24 (1,1%) und Norwegen auf Platz 28 (1,0%).
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Tabelle 4: WTO-TOP 10 der Warenexporteure 2005
Quelle: WTO World Trade 2005 (Press release 437) |
Weiterhin gute Exportaussichten für 2006, gewisse Abstriche in 2007
Fragt man nun nach den deutschen Exportaussichten für 2006/2007, so heben die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten die bislang kräftige Ausfuhrexpansion auf breiter Basis hervor. Neben dem Euroraum und den neuen EU-Ländern dürften auch die Exporte in die OPEC-Länder spürbar ausgeweitet werden, wobei hier nicht zuletzt die im deutschen Exportmix dominierenden Investitionsgüter weiter gefragt bleiben sollten. Für 2007 geht das Gutachten aber von einer nachlassenden Exportdynamik aus: Zum einen verliert der Aufschwung der Weltwirtschaft nicht zuletzt wegen der anhaltenden Energie- und Rohstoffverteuerung an Fahrt, zum anderen werden auch die Ölexportländer selbst ihre Nachfrage angesichts langsamer zunehmender Einnahmen nicht mehr so stark ausweiten wie bisher.
In diesem robusten globalen Umfeld könnten die deutschen Exporte in die Hauptenergielieferländer auch 2006 wieder zweistellig zulegen und sogar die 50 Mrd.-Schwelle überschreiten. Dafür spricht erstens die sich nochmals verbessernde Einnahmensituation innerhalb und außerhalb der OPEC. Zweitens sind viele Pläne für Großprojekte inzwischen weiter fortgeschritten, womit sie in importwirksamere Umsetzungsphasen eintreten dürften. Damit bestehen gute Chancen, dass auch dieses Jahr die zusätzliche Energierechnung zum Teil durch höhere Ausfuhren in die Öl- und Gasländer kompensiert werden kann.
Denn dass sich die deutschen Energieimporte 2006 nochmals deutlich verteuern werden, scheint angesichts der anhaltenden Risiken gerade auf der Ölangebotsseite unausweichlich. Dies unterstreicht auch die Öl- und Gaspreisentwicklung im ersten Halbjahr. Von einem neuerlichen Anstieg des Brent-Ölpreises auf 65 $/b im Jahresmittel 2006 ausgehend, würde sich die deutsche Importrechnung bei den fossilen Energieträgern nochmals um ein Fünftel auf rund 65 Milliarden € verteuern.
Selbst wenn der Exportzuwachs in die Energieländer die zu erwartende Energieverteuerung wohl nur zur Hälfte auffangen dürfte, sind die Aussichten für den deutschen Außenhandel insgesamt auch in diesem Jahr gut. Es wird zwar zu keinem neuen Handelsbilanzrekord reichen, es ist jedoch wie in den beiden Vorjahren mit einem hohen Aktivsaldo von mindestens 150 Mrd. € zu rechnen. Der skizzierte time-lag zwischen erhöhter Kaufkraft und tatsächlicher volkswirtschaftlicher Nachfrage aus den Energieausfuhrländern könnte sich dabei in den nächsten Jahren als ein höchstwillkommenes "Sicherheitsnetz" für die deutschen Exporte erweisen.
© Akademie für Welthandel, Juli 2006