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ARTIKEL

Zunehmende Verbesserung am deutschen Arbeitsmarkt

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Der deutsche Arbeitsmarkt ist weniger stark als befürchtet von den Auswirkungen der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen worden. Plakatives Signal war das Unterschreiten der 3-Mio.-Schwelle bei der Arbeitslosenzahl im Oktober 2010. Zur positiven Entwicklung haben konjunkturelle Faktoren sowie politische Maßnahmen wie die verlängerte Kurzarbeiterregelung beigetragen. Hauptfaktor ist die kräftige Konjunkturerholung nach der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Trotzdem liegt die Unterbeschäftigung unter Einrechnung weiterer Personenkreise bei gut 4 Millionen.

 

Anders als im Krisenjahr 2009 befürchtet ist der deutsche Arbeitsmarkt nicht so stark und vor allem nicht sehr lange von den Auswirkungen der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen worden. Im Jahr 1 nach der gravierendsten Rezession der Nachkriegszeit dürfte die durchschnittliche Arbeitslosigkeit in Deutschland bereits um fast 250 000 Personen auf 3,2 Millionen sinken.

 

Offizielle Arbeitslosenzahl im Herbst 2010 erstmals wieder unter 3 Millionen

Die Daten werden von der Bundesagentur für Arbeit zur Monatsmitte erhoben. Plakatives und von der Bundesregierung offensiv vermarktetes Signal war das Unterschreiten der 3-Mio.-Schwelle im Monat Oktober. Der Rückgang setzte sich mit 2,931 Mio. im November fort. Ähnlich gute Werte hatte es zuletzt im Oktober/November 2008 gegeben. Blickt man auf die für konjunkturelle Analysen besser geeigneten saisonbereinigten (sb) Zahlen, so ist die Zahl der Arbeitslosen seit dem letzten Höchststand von 3,401 Mio. im Juni 2009 bis zum November um 350.000 auf 3,144 Mio. zurückgegangen. Das entsprach einem Rückgang der Arbeitslosenquote - sb, als Anteil an den zivilen Erwerbspersonen - von 8,3 % auf 7,5 % binnen 17 Monaten.

 

Auch im europäischen Maßstab steht die Bundesrepublik damit recht günstig da. So nahm die von Eurostat ermittelte harmonisierte Arbeitslosenquote (sb) in der EWU seit ihrem Tief von 7,5 % im Jahr 2007 im Zuge der Wirtschaftskrise kräftig zu. Während sich der EWU-Wert im Oktober 2010 auf 10,1 % belief (EU-27: 9,6 %), betrug die betreffende Quote für Deutschland nur 6,7 %. Das war der fünftbeste Wert nach den Niederlanden, Österreich, Luxemburg und Malta, während Spanien mit zuletzt 20,7 % das traurige Schlusslicht bildet. Deutschland hatte darüber hinaus mit 0,8 Prozentpunkten den größten Rückgang binnen Jahresfrist zu verzeichnen, wohingegen es in 19 EU-Ländern sogar einen Anstieg gab.

 

Unterschiedliche regionale und spezifische Arbeitslosenquoten

blau:
Die signifikante Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt konnte das Ost-West-Gefälle in der Bundesrepublik nicht einebnen. So war die Arbeitslosenquote in den Neuen Bundesländern trotz Rückgängen im November mit 10,7 % immer noch fast doppelt so hoch wie in den alten Ländern mit 6,0 %.
blau:
Überproportional sinkt derzeit die Arbeitslosigkeit bei Männern, was an der kräftigen Erholung im Industriesektor liegt. Bei Frauen, die stärker im Dienstleistungsbereich tätig sind und öfter Teilzeit arbeiten, war die Arbeitslosigkeit sogar im Rezessionsjahr 2009 gesunken.
blau:
Hinweise auf "Problemgruppen" am deutschen Arbeitsmarkt geben die höheren Arbeitslosenquoten bei Ungelernten, Älteren und Langzeitarbeitslosen.

 

Unterbeschäftigung in Millionenhöhe ...

Allerdings geben die zumeist im Fokus stehenden offiziellen Arbeitslosendaten nicht das ganze Ausmaß der Unterbeschäftigung wieder. Die Bundesagentur für Arbeit ermittelt zusätzlich Zahlen zur Unterbeschäftigung, indem sie zu den registrierten Arbeitslosen noch verschiedene Personenkreise hinzurechnet, die zum Beispiel an Eingliederungs- und Weiterbildungsmaßnahmen oder an anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen oder die wegen Erkrankung arbeitsunfähig sind. Im November 2010 betrug die so ermittelte Unterbeschäftigung (ohne Kurzarbeit) insgesamt 4,058 Mio., sie war damit um 1,1 Mio. höher als die offizielle Arbeitslosenzahl. Aber auch hier gab es einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr, er war mit -395 000 sogar deutlichen größer als bei der reinen Arbeitslosenzahl. Es hat demnach also keinen Verschiebebahnhof in Richtung "inoffizielle Arbeitslosigkeit" gegeben, was die These von einer echten Verbesserung am Arbeitsmarkt bestätigt.

 

… und Dauerbaustelle statistische Umstellungen

Statistische Umstellungen erschweren leider immer wieder die Vergleichbarkeit der Arbeitsmarktdaten, insbesondere bei langen Reihen. So werden Teilnehmer an Eingliederungsmaßnahmen, die nicht von der Arbeitsagentur, sondern von privaten Unternehmen betreut werden, seit Mai 2009 nicht mehr als arbeitslos gezählt. Das sind derzeit rund 100 000 Personen. Jedoch bewirken nicht alle Änderungen in der Statistik, dass die ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen gedrückt werden: So führte die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe durch die Berücksichtigung erwerbsfähiger ehemaliger Sozialhilfeempfänger Anfang 2005 zu einem Niveausprung nach oben um rund 220 000; dadurch stieg die unbereinigte Arbeitslosenzahl in den ersten vier Monaten von 2005 erstmals sogar über 5 Mio.

 

Sonderfaktor und Erfolgsmodell Kurzarbeit

Angaben zur Unterbeschäftigung sind ohne die Berücksichtigung der Kurzarbeit unvollständig. Im Krisenjahr 2009 hatte die Kurzarbeit dank Ausweitung der staatlichen Förderung einen spürbaren Anteil an der besser als befürchtet verlaufenen Arbeitsmarktentwicklung. So wurde die maximale Bezugsdauer für das Kurzarbeitergeld von der damaligen Großen Koalition zunächst auf 18, später auf 24 Monate verlängert, was in vielen Industriezweigen wie der Autoindustrie massiv genutzt wurde. Der Bestand an Kurzarbeitern lag zwischen Februar 2009 und Februar 2010 bei über 900.000. Höchststand war im Mai 2009 mit gut 1,4 Mio. konjunkturell bedingten Kurzarbeitern, davon allein 1,3 Mio. in Westdeutschland. Bei einem durchschnittlichen Arbeitszeitausfall von einem Drittel errechnet sich daraus ein "Beschäftigtenäquivalent" von immerhin 430 000, was die Unterbeschäftigung damals entsprechend erhöhte. Laut Bundesagentur für Arbeit lag dieser Wert im September 2010 nur noch bei rund 100.000.

 

Die befristete Verlängerung der Kurzarbeiterregelung darf als überaus erfolgreich bezeichnet werden. Zum einen hat sie einen stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert und so zur Stabilisierung der Binnenkonjunktur beigetragen. Zum anderen konnten die Firmen so größere Teile ihrer Stammbelegschaft und ihrer Fachkräfte halten, was sich angesichts der schnellen Export-Erholung als sehr hilfreich erwies. Gerade im Verarbeitenden Gewerbe konnte die Produktion so rasch wieder hochgefahren werden, da man nicht mühsam neue Facharbeiter rekrutieren und einarbeiten musste. Die starke und schnelle Rückführung der Kurzarbeit lässt die gleichzeitige Abnahme der Arbeitslosenzahlen in diesem Jahr noch eindrucksvoller erscheinen.

 

Fazit: Konjunkturerholung als Hauptgrund für die positive Entwicklung

Zur positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt haben sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Faktoren sowie wirtschaftspolitische Maßnahmen beigetragen, die zum Teil zeitlich gestaffelt wirksam wurden und sich daher sinnvoll ergänzt haben. Trotz einiger Einschränkungen stimmt es nicht, dass nur statistische Umstellungen, demographische Effekte und die Schaffung von Mini-Jobs für die besseren Arbeitsmarktdaten verantwortlich sind. Wichtigster Faktor ist zweifellos die schnelle und überraschend starke Konjunkturerholung nach der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. (vgl. dazu auch unseren Artikel "Deutschland und die EWU erholen sich mit der Weltwirtschaft" vom August 2010).

 

Ausblick: Aufschwung gewinnt an Breite, Arbeitslosigkeit sinkt weiter

Die konjunkturelle Erholung der deutschen Wirtschaft dürfte sich nach dem kräftigen Aufholprozess im laufenden Jahr auch in den beiden kommenden Jahren fortsetzen. Dabei wird der Aufschwung mehr und mehr an Breite gewinnen. Der Dezember-Prognose der Deutschen Bundesbank für 2011 und 2012 zufolge wird sich das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2011 um 2 % und im Jahr 2012 um 1,5 % erhöhen - nach einem geschätzten Anstieg von 3,6 % im laufenden Jahr. Die Exporte dürften zwar die Hauptantriebskraft des Aufschwungs bleiben, die außenwirtschaftlichen Impulse strahlen aber verstärkt auf die Binnenwirtschaft aus. Ausrüstungs- und Bauinvestitionen werden zudem durch niedrige Zinsen begünstigt, die privaten Konsumausgaben durch eine steigende Beschäftigung und höhere Löhne (vgl. Tab. 1)

 

Die Beschäftigung dürfte damit im Prognosezeitraum zu- und die Arbeitslosigkeit weiter abnehmen. Im Jahresdurchschnitt 2011 könnte die Zahl der registrierten Arbeitslosen bei rd. 3 Mio. liegen und im Folgejahr auf 2,8 Mio. fallen. Die Arbeitslosenquote würde dann von derzeit 7,7 % (2010) über 7 % auf 6,5 % (2012) zurückgehen.

 

 

Tabelle 1: Eckdaten zum deutschen Arbeitsmarkt
 

Jahres-
durchschnitt
Reales BIP
(in % gg. Vorjahr)
Arbeitslosenzahl
(in Mio.)
Arbeitslosenquote
(in %)
ALQ West-D
(in %)
ALQ Ost-D
(in %)
Unterbeschäftigung
(in Mio.)
2006 3,2 4,457 10,8 9,1 17,3 n. v.
2007 2,7 3,777 9,1 7,5 15,1 4,963
2008 1,0 3,268 7,5 6,4 13,1 4,324
2009 -4,7 3,423 8,2 6,9 13,0 4,543
2010 (S) 3,6 3,180 7,7 6,6 12,0 4,290
2011 (P) 2,0 3,0 7 6 11 4,0
 
S = Schätzung P = Prognose
 
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Destatis, eigene Prognosen

 

Die Prognose berücksichtigt auch absehbare strukturelle Veränderungen auf der Seite des Arbeitsangebotes. So werden 7 Jahre nach der EU-Osterweiterung ab Mai 2011 alle noch bestehenden Beschränkungen der Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern entfallen, was zu einer größeren Zahl von Einpendlern führen dürfte. Zudem werden die geplante Aussetzung der Wehrpflicht ab Sommer 2011 sowie die doppelten Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern (G8) das inländische Erwerbspersonenpotenzial erhöhen. Dies wirkt der negativen demographischen Grundtendenz in Deutschland vorübergehend entgegen, kann aber auch den Rückgang der Arbeitslosigkeit kurzfristig etwas abbremsen.

 

© Dezember 2010, Akademie für Welthandel AG, Frankfurt am Main